12.08. 2010

Die wirklich nützliche HTML5-Kochplatte

Wer heute anfängt, Webseiten ground up zu erstellen, muss, um solche Seiten in die Profiliga zu bringen, eigentlich viel mehr berücksichtigen, als sich ein normaler Mensch merken kann. Die meisten Projekte entstehen denn auch aus Versatzstücken früherer Projekte. So fließt zunehmende Erfahrung in jedes neue Projekt mit ein. Dazu kommen Frameworks oder Libraries für CSS, JavaScript und einiges mehr. Doch wie wäre es, eine Art Basis-Set zu haben, in dem bereits ein Maximum an Erahrung drin steckt? Golem hat heute im Artikel Blaupause für moderne Webseiten auf ein solches Basis-Set verwiesen:

Die HTML5 Boilerplate (boilerplate steht für Kessel- oder Kochplatte, wird aber häufiger übertragen verwendet, etwa für Textbaustein oder Standardklausel) wurde von Paul Irish und Divya Manian entwickelt. Das als ZIP-Archiv downloadbare Set besteht aus ganz unterschiedlichen Ressourcen:

  • Eine HTML5-index.html für die Startseite. Gewissermaßen eine Beispielwebseite ohne Inhalt. Jedoch fix und fertig mit allen wirklich praxisrelevanten Kopfdaten, sowie mit Anzeigebereichen für Header, Hauptinhalt und Footer. Eingebunden werden dabei auch einige Scripts und Stylesheets, die ebenfalls zum Set-Umfang gehören.
  • Einem Standard-Stylesheet, das einen sogenannten CSS-Resetter beinhaltet - nämlich den Resetter von html5doctor.com (Eric Meyer's Reset Reloaded + HTML5 baseline). Das Stylesheet sorgt unter anderem dafür, dass die neuen HTML5-Strukturelemente wie article, section, aside usw. ein Browser-CSS erhalten. Etliche Details, etwa zur optimierten Positionierung von Radiobuttons und Checkboxen, ein paar nützliche CSS-Klassen und ein paar (aber nicht viele) CSS-Hacks für veraltete Browser, bringt das Stylesheet ebenfalls mit.
  • Einem Extra-Stylesheet für Handheld-Geräte, das beispielsweise das Floaten (Nebeneinanderliegen) von Inhalten auf kleinen Displays bewirkt.
  • Einem leeren Standard-Script für eigene Zwecke.
  • Der allseits beliebten und vielerorts bewährten jQuery JavaScript Library (momentan: v1.4.2).
  • Der leistungsfähigen Modernizr-JavaScript-Bibliothek. Diese enthält Erkennungstests für HTML5- und CSS3-Features und erlaubt es, solche Features abhängig davon zu nutzen, ob ein Browser damit klar kommt oder nicht.
  • Einem Script, das den MS IE 6 befähigt, PNG-Grafiken auch als Background-Grafiken anzuzeigen.
  • Einer .htaccess-Datei, die man, wenn man selber keinen Zugriff auf die Konfiguration eines Apache-Webservers hat, ins Startverzeichnis des eigenen Webangebots mit ablegen sollte. Wenn die Webseiten von einem Apache Webserver „serviert“ werden, greifen die Einstellungen der .htaccess-Datei. Dazu gehören vor allem performance-steigernde Angaben. So wird beispielsweise veranlasst, dass die Scriptbibliotheken im Cache-Speicher vorgehalten werden, oder dass Inhalte wenn möglich gzip-komprimiert übertragen werden.
  • Ein selbst gestaltbares 404-Error-Dokument, das in der zuvor erwähnten .htaccess-Datei als Dokument für den Fall, dass angeforderte Inhalte vom Server nicht gefunden werden können, im Browser angezeigt wird.
  • Eine einfache robots.txt für Suchmaschinen-Robots.
  • Weiteren Dateien für Tests und Diagnosezwecke.

Selbstverständlich lassen sich viele der HTML5-Boilerplate-Bestandteile auch in Verbindung mit dynamisch generierten Webseiten verwenden. Es muss auch nicht immer alles verwendet werden, sondern eben das, was man braucht. Alles in allem jedenfalls ein geballtes Stück Web-Intelligenz, und eine gute Basis für flotte, zeitgemäße Websites.

10.08. 2010

Sixtus vs. GVU und der Senf obendrauf

Meistens sind die Netizens ja in der Opferrolle. Abgemahnt von gewievten Anwälten, und eingeschüchtert durch juristische Androhungen seitens reicher Unternehmen oder Organisationen. Unerfahren darin, welche Rechte ihnen selber zustehen, und ohne große Lust, sich auf Scharmützel mit den übermächtig erscheinenden Angreifern einzulassen. Doch nicht immer ist das so. Was sicher auch daran liegt, dass sich mittlerweile eine Menge Medienprofis im Netz tummeln.

Mario Sixtus ist einer von ihnen. Vielen bekannt durch die Sixtus-vs-Lobo-Videofolgen und den mit Grimme-Preis ausgezeichneten Videopodcast Der elektrische Reporter. Sixtus wurde, wie er heute in seinem Blogartikel In Sachen GVU bekannt gibt, von eben jener GVU darüber informiert, dass sie die Sperrung von vier seiner Videos wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen veranlasst habe. Die GVU (Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen) wirbt aktuell auf ihrer Startseite mit News wie „5 von 5 Millionen Löschungsaufforderungen im Namen der GVU - Branchenprojekt richtet sich gegen Portalseiten mit illegalen Inhalten“.

Bei so vielen Löschungsaufforderungen können schon mal Fehler passieren. Kollateralschäden sozusagen. Swen Wacker hat das in einem bemerkenswerten Google-Buzz-Posting recht deutlich ausgedrückt: „Mit keinem Wort übernimmt die GVU Verantwortung, salbadert ersatzweise ausführlichst über die kriegsentscheidenden Aufgaben der GVU und ihrer gedungenen Heerscharen und erweckt so den Eindruck, dass in ihren Augen Kollateralschäden nun mal in besten Landkrieg vorkommen können.“

Doch Mario Sixtus hat gar nicht erst gewartet, bis ihm die volle Unterstützung der Netz-Szene sicher war. Denn er hat die betroffenen Videos selbst produziert und verfügt vertraglich abgesichert über die Urheberrechte. Außerdem stehen die gesperrten Videos unter CreativeCommons-Lizenz. Deshalb hat er Matthias Leonardy, den Geschäftsführer der GVU, ziemlich unsanft in die Ecke gedrängt und auf dem gesamten öffentlichen Background der deutschen Blogosphäre eine Erklärung für die zweifellos unberechtigten Löschforderungen eingefordert. Der hat die Fehler auch zugegeben, aber sehr ausweichend reagiert. Was Swen Wacker in oben erwähntem Buzz-Posting sehr deutlich analysiert hat.

Wie es zu den Löschforderungen der GVU kam, ist noch nicht geklärt. Was jedoch bleibt, ist der Eindruck, dass da eine selbsternannte Wächter-Organisation geradezu willkürlich die Löschung von Inhalten bei Internetprovidern verlangt und wegen ihres Wir-vertreten-diese-Interessen-offiziell-Status auch meist Erfolg haben damit. Nicht alle sehen das so eng, auch innerhalb der Netzwelt nicht. Johnny Häusler vom Spreeblick-Blog etwa findet in dem Artikel Die GVU lässt Videos sperren, dass die Netzgemeinde etwas überreagiert wegen der Fehler, die der GVU da passiert sind. Das wiederum hat Schockwellenreiter Jörg Kantel so auf die Palme gebracht, dass er einen bissigen Kommentar dazu verfasste.

Zum Abschluss sei vielleicht noch auf den Wikipedia-Eintrag zur GVU verwiesen. Wenn selbst ein neutraler Lexikonartikel schon zur Hälfte seines Umfangs aus der Überschrift Vorgehensweise und Kritik besteht, sagt das wohl mehr als alles andere. Durch die Sixtus-Aktion ist die GVU zweifellos bekannter geworden. Aber nur als die hässliche Fratze eines Klammeraffen am Rockzipfel des Hollywood-Reichtums.

09.08. 2010

Alte Männer mit Chipkarten, die das Internet resetten können

"Der Code zum Neustart des Internet wurde am 16. Juni in einem fensterlosem Raum eines Hochsicherheits-Rechenzentrums in Culpepper (Virginia) erzeugt - eineinhalb Autostunden von der US-Hauptstadt Washington entfernt. Als Zeugen waren knapp 40 Internet-Experten geladen. Sie betreten den Raum durch einen mit dunkelgrauen Stahlgitterplatten armierten Gang und eine gesicherte Stahltür, wie das ICANN-Video zeigt."

So liest es sich in dem dieser Tage erschienenen Artikel Sieben Experten können jetzt das Web neu starten der WELT Online. Das Ereignis selber, das schon einige Wochen zurückliegt, ging relativ lautlos an der Netzgemeinde vorüber. Dabei ist das DNSSEC (deutschsprachiger Wikipedia-Artikel), um das es da letztlich geht, nichts Neues. Die entfernt an eine bekannte Mythensaga erinnernde Schlüsselzeremonie indes ist wohl erst jetzt so richtig bekannt geworden.

Hier noch das Video, von dem in dem WELT-Artikel die Rede ist:

08.08. 2010

@netzpolitik findet es nicht gut, dass Google-Chef Anonymität nicht gut findet

Meistens bestechen die Artikel von netzpolitik.org ja durch kritisch ausgewogenes Engagement. In diesem Fall ist es etwas anders. Der Artikel ist recht kurz, und er geht recht knapp mit folgendem indirekt wiedergegebenen Zitat von Google-CEO Eric Schmid ins Gericht:

Laut Schmidt ist die Gesellschaft wegen der weitgehenden Anonymität im Internet derzeit nicht in der Lage, mit dieser benutzergetriebenen Entwicklung umzugehen. Seiner Meinung nach lässt sich der Missbrauch der technischen Möglichkeiten nur mit wesentlich mehr Transparenz und einem vollständigen Verzicht auf Anonymität verhindern. Die Nutzer müssten für ihre Aktivitäten im Netz auch verantwortlich gemacht werden können. In einer Welt asynchroner Bedrohungen sei es zu gefährlich, dass es keinen Weg gibt, Benutzer zu identifizieren, sagte Schmidt und forderte als Lösung eine Art DNS für Menschen.

Das Zitat ist für kritisch erzogene Mitteleuropäer zweifellos provokant (für Amerikaner möglicherweise weniger, erlaube ich mir mal zu mutmaßen). Es bewegt sich jedoch mitten im Zentrum einer gedanklichen Auseinandersetzung, die meines Erachtens noch nicht wirklich geführt wurde.

Es gibt da einen gedanklichen Graben, den sich viele noch nicht eingestehen wollen, weil er mitten durch die Avantgarde der Netzbürger geht. Die eine Seite des Grabens ist jene, auf der das Netz als ein Ort empfunden wird, an dem die bürgerliche Rechte und Freiheiten erst noch gesichert und durchgesetzt werden müssen. Nämlich gegen macht- und kontrollgeile Politiker und Aufsichtsbehörden, von denen allerlei abenteuerliche Datenbegehrlichkeiten geäußert werden, die, würde man sie auf die nicht-digitale Welt übertragen, die Zustände jedes bekannten totalitären Regimes übertreffen würden. Auf der anderen Seite des Grabens jedoch steht der Grundgedanke, dass nur die offene Zugänglichkeit von Inhalten und Software und der offene Umgang miteinander die gesellschaftliche Entwicklung im Digitalzeitalter wirklich voran bringen kann.

Einfacher drückt es vielleicht dieser fiktive Dialog eines digitalen Stammtischgeplauders aus: „Selber schuld, wenn jemand einen Job nicht kriegt, weil seine Daten im Netz offen rumliegen.“ Antwort: „Irrtum! Er wird den Job künftig nicht bekommen, wenn seine Daten nicht offen im Netz rumliegen, weil das verdächtig ist“.

Diejenigen, die sich für Offenheit und Transparenz stark machen, müssen damit rechnen, in die ideologische Nähe von Überwachungsbefürwortern gerückt zu werden, weil beide gegen Anonymisierungstendenzen argumentieren. Diejenigen dagegen, die Anonymität als Grundrecht für Netzbürger fordern, werden sich von den Transparenzlern (vielleicht sogar auch flankiert von den beiderseits verachteten Schnüfflern) immer wieder vorhalten lassen müssen, dass sie notwendige Entwicklungen blockierten, zum Beispiel, wenn es um neue, digitale Formen von Demokratie geht, bei denen das Geheimwahlrecht nicht mehr geeignet ist.

Wenn hier übrigens von „diejenigen“ die Rede ist, so sollte das nicht als Polarisierung in der Weise verstanden werden, dass jeder für sich selbst dabei eine eindeutige Entscheidung trifft oder treffen muss. Die skizzierte gedankliche Auseinandersetzung geht in der Regel mitten durch den normalen, interessierten und informierten Netzteilnehmer hindurch und wird von diesem als Ambivalenz empfunden. Er liest Dinge wie: „Chaos Computer Club (CCC) und die Piratenpartei fordern ein Recht auf Anonymität im Netz, während der Innenminister betont, dass der freie Bürger auch im Netz sein Gesicht zeigt, seinen Namen nennt und eine Adresse hat“. Da fällt es den meisten netzaffinen Menschen noch leicht, sich zu positionieren. Schwieriger wird es jedoch, wenn die gedankliche Opposition gegen Anonymität nicht von Vertretern staatlicher Überwachungsinteressen kommt, sondern von OpenContent-Propheten oder Internetkennern wie eben Eric Schmid.

Zu diesen gedanklichen Auseinandersetzungen wünsche ich mir jedenfalls mehr differenzierende Artikel. Und speziell netzpolitik.org wäre ein sehr geeigneter Ort dafür.

07.08. 2010

Staatliche DoS-Attacken gegen Massenanbieter wegen eines einzigen Bloggers?

Leser dieses Blogs haben es vielleicht auch gemerkt: Posterous war in den letzten Tagen mehrfach down und instabil. Der Grund waren DoS-Attacken (Denial of Service) gegen den Massen-Bloghoster. Die Anbieter von Posterous sind derzeit dabei herauszufinden, wer hinter den Angriffen steckt. Eine Vermutung geht in eine brisante Richtung.

Wie nämlich CNet-News berichtet, wurden in den vergangenen Tagen auch bei Twitter, YouTube und Facebook Attacken registriert. Zumindest Twitter war ebenfalls einige Stunden down deswegen. Die Vermutungen gehen dahin, dass sich die Attacken gegen einen einzigen User all dieser Plattformen richten, nämlich gegen einen georgischen Blogger namens Cyxymu (Twitter-Account, YouTube-Channel, Facebook-Profil, Blog), der anti-russische Inhalte publiziert.

Während die Frage, ob die Angriffe von ideologischen Einzelkämpfern oder gar von offiziellen russischen Stellen koordiniert wurden, noch ungeklärt ist, erklärt der oben erwähnte CNet-Artikel sehr schön, wie DoS und DdoS-Attacken über zunehmend problematische Internetprotokolle wie E-Mail entstehen, und wie Google und Facebook mit ihren Infrastrukturen diese Angriffe so abwehren konnten, dass keine Down-Zeiten entstanden. Aus alledem ist jedoch auch herauszulesen, dass längst alle Anbieter, die nicht gerade über die Infrastruktur von Google oder Facebook verfügen, mehr oder weniger leicht angreifbar und verwundbar sind. Und dass Angriffe dieser Art in Zukunft nicht nur theoretisch möglich sind, sondern wahrscheinlich zunehmen werden. Die Zeit der E-Wars ist längst gekommen.

Stefan Münz

Webentwickler, Autor, Familien-Manager, Digitalzeitalter-Prophet.